Bevor das erste Glas gefüllt wird
Es gibt Orte, die wirken leicht.
Ein Platz, ein paar Stände, ein Glas Wein in der Hand.
Menschen, die lachen, reden, sich begegnen.
Ein Bild, das selbstverständlich aussieht.
Doch nichts daran ist selbstverständlich.
Hinter jedem Markt steht eine Arbeit, die niemand sieht.
Ein Geflecht aus Anträgen, Kosten, Regeln und Entscheidungen, das Monate vorher beginnt und bis zur letzten Minute anhält.
Ein System, das man nur versteht, wenn man es durchlaufen hat — und das man nur übersteht, wenn man bereit ist, Verantwortung zu tragen, die niemand bemerkt.
Was für die Besucher ein Wochenende ist, ist für die Veranstaltenden ein Jahr.
Ein Jahr aus Planung, Abstimmung, Risiko.
Ein Jahr, in dem jeder Fehler Folgen hat und jede Entscheidung trägt.
Dies ist die Geschichte hinter einem Weinfest.
Nicht die sichtbare, sondern die wahre.
Die, die im Hintergrund stattfindet, während vorne alles leicht aussieht.
Hinter den Kulissen: Warum ein Weinfest in Berlin mehr Nerven kostet als ein Krimi
Die Ausschankgenehmigung ist kein Dokument. Sie ist ein Risiko.
Jedes Jahr teurer, jedes Jahr unberechenbarer.
Man reicht sie ein, wohl wissend, dass der Preis längst nicht mehr in Relation steht — und dass man trotzdem keine Wahl hat.
So beginnt ein Fest.
Nicht auf dem Platz, sondern am Schreibtisch.
Lange bevor irgendjemand ein Glas hebt.
1. Die Anträge – ein System, das sich selbst genügt
Ein Antrag führt zum nächsten.
Ein Formular öffnet eine neue Anforderung.
Ein Nachweis zieht eine weitere Prüfung nach sich.
Nichts davon ist optional.
Alles davon ist entscheidend.
Jeder Bezirk arbeitet nach eigenen Regeln.
Manchmal nach eigenen Prioritäten, manchmal nach eigenen Auslegungen.
Was gestern galt, kann heute falsch sein.
Was heute verlangt wird, kann morgen verschwinden.
Die Verantwortung liegt bei denen, die beantragen.
Die Macht bei denen, die prüfen.
Und dazwischen: ein Raum, in dem Transparenz selten ist.
2. Die Kosten – ein Gegner, der nicht verhandelt
Die Gebühren steigen schneller, als man sie erklären kann.
Ausschankgenehmigung, Maut, Übernachtungen, Transport, Lasten, Strom — jeder Posten ein weiterer Druckpunkt.
Winzer zahlen, bevor sie verdienen.
Kunsthandwerkende investieren, bevor sie verkaufen.
Veranstalter tragen die Last, bevor überhaupt irgendjemand den Platz betritt.
Es gibt keine Stelle, die diese Entwicklung begründet.
Keine, die sie bremst.
Keine, die Verantwortung übernimmt.
3. Die stille Diplomatie – Gespräche, die nicht dokumentiert werden
Zwischen Antrag und Genehmigung liegt ein Bereich, der offiziell nicht existiert.
Ein Bereich, in dem man erklärt, nachreicht, abstimmt.
In dem man Formulierungen wählt, die präzise sein müssen, damit es nicht heißt: return to sender.
Man spricht mit Menschen, die über Wochen Arbeit entscheiden.
Menschen, die über Sicherheit, Ordnung, Lärm, Strom, Verkehr urteilen.
Menschen, die selten die Realität eines Marktes kennen, aber über seine Existenz bestimmen.
Es ist kein Konflikt.
Es ist ein Gleichgewicht.
Und manchmal entscheidet ein einziges Telefonat darüber, ob ein Fest stattfinden darf.
4. Die Akquise – Vertrauen in einem Umfeld, das Vertrauen erschwert
Winzer planen ein Jahr im Voraus.
Kunsthandwerkende oft noch länger.
Wer sie gewinnen will, braucht mehr als eine Einladung.
Man braucht Verlässlichkeit.
Man braucht Erfahrung.
Man braucht ein Konzept, das trägt.
Doch steigende Kosten machen jede Entscheidung schwerer.
Jede Zusage ist ein Erfolg.
Jede Absage ein Risiko für das Gesamtbild.
Ein Markt entsteht nicht aus Zufall.
Er entsteht aus Entscheidungen, die man nicht sieht.
5. Die Datenbank – ein Archiv gegen das Vergessen
Über Jahre gewachsen, gefüllt mit Erfahrungen, die man nicht kaufen kann.
Ein Gegenmodell zur Unberechenbarkeit des Systems.
Ein Versuch, Ordnung zu schaffen, wo keine ist.
Wer zuverlässig ist.
Wer professionell arbeitet.
Wer fair bleibt.
Wer sich bewährt hat.
Es ist das einzige Instrument, das wirklich funktioniert.
6. Die Recherche – Arbeit, die niemand bezahlt
Man fährt zu Märkten, um Neues zu finden.
Man beobachtet, vergleicht, prüft.
Man erkennt Muster, die sich wiederholen: steigende Preise, sinkende Margen, wachsende Unsicherheit.
Viele, die früher selbstverständlich kamen, zögern heute.
Nicht aus Desinteresse.
Aus Vernunft.
Ein Beispiel dafür:
Die stetig steigenden Marktgebühren, die jetzt noch hinzugekommenen Parkgebühren, das nachlassende Kaufverhalten haben mich darin bestärkt, neben Porzellan und Keramik auch noch Kinderschmuck zu kleinen Preisen in mein Sortiment aufzunehmen. Mein eigentliches Sortiment sorgt auch für große Begeisterung, allerdings hätten die meisten potenziellen Käufer es gern zu IKEA-Preisen.
7. Die Wege – wenn ein Platz zum Nadelöhr wird
Ein Markt ist kein leerer Raum.
Er ist ein Geflecht aus Wegen, Zufahrten, Engstellen und Zeitfenstern, die sich gegenseitig beeinflussen.
Wenn ein Element nicht passt, verschiebt sich alles.
Ein Beispiel dafür:
Einmal kam ein Getränkelieferant kurz vor Veranstaltungsbeginn – eigentlich zu spät.
Die Bühne stand bereits, die Abfahrt war blockiert, und der große LKW musste die komplette Runde noch einmal drehen.
Er quälte sich an den ausladenden Weinwagen vorbei, die in Windeseile Tische beiseiteräumten, Dächer einklappten und ihre Aufsteller hereinnahmen.
Ein logistisches Mikrodilemma, das niemand sieht –
aber alle spüren: weil ein einziger verspäteter LKW reicht, um den gesamten Ablauf ins Rutschen zu bringen.
8. Die Technik – der Punkt, an dem alles sichtbar wird
Strom ist kein Detail.
Er ist die Grundlage.
Wenn er ausfällt, fällt alles aus.
Und dann zeigt sich, wie fragil ein Markt ist.
Der Elektriker ist derjenige, der die Realität kennt.
Er sieht, was funktioniert und was nicht.
Er weiß, wo die Grenzen liegen.
Er ist derjenige, der verhindert, dass ein technisches Problem zu einem Sicherheitsproblem wird.
Er ist der Held, den niemand sieht — weil er seine Arbeit macht, bevor jemand merkt, dass sie nötig war. Danke Torsten!
9. Der Tag X – die sichtbare Oberfläche eines unsichtbaren Systems
Menschen trinken Wein.
Menschen lachen.
Menschen begegnen sich.
Sie sehen nicht die Monate davor.
Nicht die Kosten.
Nicht die Unsicherheiten.
Nicht die Gespräche.
Nicht die Verantwortung.
Sie sehen nur das Ergebnis.
Und vielleicht soll es genau so sein.
10. Warum wir es trotzdem tun
Weil ein Markt mehr ist als ein Event.
Er ist ein öffentlicher Raum, der wiederbelebt wird.
Ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, die sich sonst nicht begegnen würden.
Ein Stück Stadt, das sichtbar wird.
Und weil Kulturarbeit nicht aufhört, nur weil die Bedingungen schlechter werden.
Man macht weiter.
Nicht, weil es leicht ist.
Sondern weil es notwendig ist.
Denn während Arbeit ins Homeoffice verlagert wird und Gespräche in digitale Kanäle rutschen, entstehen hier Räume, die nicht ersetzbar sind. Orte, an denen Menschen wieder lernen, miteinander zu sprechen, ohne Verzögerung, ohne Bildschirm, ohne Distanz. Orte, an denen Begegnung nicht simuliert wird, sondern stattfindet.
Ein Weinfest ist kein Konsumformat.
Es ist ein Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die sich zunehmend vereinzelt.
Ein Ort, an dem Fremde zu Gesprächspartnern werden, weil der Raum es zulässt.
Ein Ort, an dem Nachbarschaft nicht behauptet, sondern erlebt wird.
Und genau deshalb ist jeder dieser Märkte mehr als die Summe seiner Stände.
Er ist ein Stück sozialer Infrastruktur.
Ein öffentlicher Resonanzraum, der zeigt, dass Stadt nur funktioniert, wenn Menschen sich begegnen können — ungeplant, ungestört, unersetzbar.
Wenn solche Orte verschwinden, verschwindet etwas, das man nicht zurückholen kann:
die Durchlässigkeit zwischen Menschen, die sonst nebeneinander lebten, ohne sich zu kennen.
Die Möglichkeit, dass Gespräche entstehen, die niemand geplant hat.
Die Erfahrung, dass Gemeinschaft nicht digital hergestellt werden kann.
Ein Markt ist ein Versprechen.
Ein Versprechen an die Stadt, an die Menschen, an die Gemeinschaft.
Ein Versprechen, das man nicht bricht — gerade dann nicht, wenn es schwer wird.





