Bevor das erste Glas gefüllt wird

Claudia Scholz • 6. Februar 2026

Dieser Text richtet sich an alle, die verstehen wollen, was hinter einem Weinfest wirklich steckt — jenseits der sichtbaren Oberfläche. Er erzählt von der Arbeit, die niemand sieht, von Entscheidungen, die niemand bemerkt, und von einem System, das nur sichtbar wird, wenn man es selbst durchlaufen hat. Für alle anderen darf ein Weinfest einfach bleiben, was es ist: ein leichter - ein fröhlicher Moment im Jahr.


Es gibt Orte, die wirken leicht.
Ein Platz, ein paar Stände, ein Glas Wein in der Hand.
Menschen, die lachen, reden, sich begegnen.
Ein Bild, das selbstverständlich aussieht.


Doch nichts daran ist selbstverständlich.


Hinter jedem Markt steht eine Arbeit, die niemand sieht.
Ein Geflecht aus Anträgen, Kosten, Regeln und Entscheidungen, das Monate vorher beginnt und bis zur letzten Minute anhält.
Ein System, das man nur versteht, wenn man es durchlaufen hat — und das man nur übersteht, wenn man bereit ist, Verantwortung zu tragen, die niemand bemerkt.


Was für die Besucher ein Wochenende ist, ist für die Veranstaltenden ein Jahr.
Ein Jahr aus Planung, Abstimmung, Risiko.
Ein Jahr, in dem jeder Fehler Folgen hat und jede Entscheidung trägt.


Dies ist die Geschichte hinter einem Weinfest.
Nicht die sichtbare, sondern die wahre.
Die, die im Hintergrund stattfindet, während vorne alles leicht aussieht.

Hinter den Kulissen: Warum ein Weinfest in Berlin mehr Nerven kostet als ein Krimi

Die Ausschankgenehmigung ist kein Dokument. Sie ist ein Risiko.
Jedes Jahr teurer, jedes Jahr unberechenbarer.
Man reicht sie ein, wohl wissend, dass der Preis längst nicht mehr in Relation steht — und dass man trotzdem keine Wahl hat.


So beginnt ein Fest.
Nicht auf dem Platz, sondern am Schreibtisch.
Lange bevor irgendjemand ein Glas hebt.

1. Die Anträge – ein System, das sich selbst genügt

Ein Antrag führt zum nächsten.
Ein Formular öffnet eine neue Anforderung.
Ein Nachweis zieht eine weitere Prüfung nach sich.


Nichts davon ist optional.
Alles davon ist entscheidend.


Jeder Bezirk arbeitet nach eigenen Regeln.

Manchmal nach eigenen Prioritäten, manchmal nach eigenen Auslegungen.

Was gestern galt, kann heute falsch sein.

Was heute verlangt wird, kann morgen verschwinden.



Die Verantwortung liegt bei denen, die beantragen.

Die Macht bei denen, die prüfen.

Und dazwischen: ein Raum, in dem Transparenz selten ist.

2. Die Kosten – ein Gegner, der nicht verhandelt

Die Gebühren steigen schneller, als man sie erklären kann.

Ausschankgenehmigung, Maut, Übernachtungen, Transport, Lasten, Strom — jeder Posten ein weiterer Druckpunkt.


Winzer zahlen, bevor sie verdienen.

Kunsthandwerkende investieren, bevor sie verkaufen.

Veranstalter tragen die Last, bevor überhaupt irgendjemand den Platz betritt.



Es gibt keine Stelle, die diese Entwicklung begründet.

Keine, die sie bremst.

Keine, die Verantwortung übernimmt.

3. Die stille Diplomatie – Gespräche, die nicht dokumentiert werden

Zwischen Antrag und Genehmigung liegt ein Bereich, der offiziell nicht existiert.

Ein Bereich, in dem man erklärt, nachreicht, abstimmt.

In dem man Formulierungen wählt, die präzise sein müssen, damit es nicht heißt: return to sender.


Man spricht mit Menschen, die über Wochen Arbeit entscheiden.

Menschen, die über Sicherheit, Ordnung, Lärm, Strom, Verkehr urteilen.

Menschen, die selten die Realität eines Marktes kennen, aber über seine Existenz bestimmen.


Es ist kein Konflikt.

Es ist ein Gleichgewicht.

Und manchmal entscheidet ein einziges Telefonat darüber, ob ein Fest stattfinden darf.


Zu dieser stillen Diplomatie gehören auch Rückfragen, die man nur mit einem tiefen Atemzug beantworten kann.


Zum Beispiel, wenn wir beim Antrag auf Lärmschutz erklären sollen, warum es unsere Veranstaltung überhaupt geben muss, so als müsste ein Markt nach bald vierzig Jahren noch immer seine Existenzberechtigung nachweisen. Oder wenn plötzlich ein polizeiliches Führungszeugnis verlangt wird, obwohl wir seit über einem Jahrzehnt im selben Bezirk arbeiten, mit denselben Menschen, denselben Abläufen, denselben Verantwortlichkeiten.


Es sind diese höflichen Absurditäten, die niemand sieht und die doch Stunden kosten: kleine Prüfsteine, die man mit Geduld, Diplomatie und einem Lächeln beantwortet, weil der Antrag sonst wieder dort landet, wo niemand ihn haben will: auf Anfang.

4. Die Akquise – Vertrauen in einem Umfeld, das Vertrauen erschwert

Winzer planen ein Jahr im Voraus.

Kunsthandwerkende oft noch länger.


Wer sie gewinnen will, braucht mehr als eine Einladung.

Man braucht Verlässlichkeit.

Man braucht Erfahrung.

Man braucht ein Konzept, das trägt.


Doch steigende Kosten machen jede Entscheidung schwerer.

Jede Zusage ist ein Erfolg.

Jede Absage ein Risiko für das Gesamtbild.



Ein Markt entsteht nicht aus Zufall.

Er entsteht aus Entscheidungen, die man nicht sieht.

5. Die Datenbank – ein Archiv gegen das Vergessen

Über Jahre gewachsen, gefüllt mit Erfahrungen, die man nicht kaufen kann.

Ein Gegenmodell zur Unberechenbarkeit des Systems.

Ein Versuch, Ordnung zu schaffen, wo keine ist.


Wer zuverlässig ist.

Wer professionell arbeitet.

Wer fair bleibt.

Wer sich bewährt hat.


Sie bewahrt Erfahrungen, die kein Formular abfragt, die aber über den Erfolg eines Marktes entscheiden können.


Es ist das einzige Instrument, das wirklich funktioniert.

6. Die Recherche – Arbeit, die niemand bezahlt

Man fährt zu Märkten, um Neues zu finden.

Man beobachtet, vergleicht, prüft.

Man erkennt Muster, die sich wiederholen: steigende Preise, sinkende Margen, wachsende Unsicherheit.


Viele, die früher selbstverständlich kamen, zögern heute.

Nicht aus Desinteresse.

Aus Vernunft.


Ein Beispiel dafür:

Die stetig steigenden Marktgebühren, die jetzt noch hinzugekommenen Parkgebühren, das nachlassende Kaufverhalten haben mich darin bestärkt, neben Porzellan und Keramik auch noch Kinderschmuck zu kleinen Preisen in mein Sortiment aufzunehmen. Mein eigentliches Sortiment sorgt auch für große Begeisterung, allerdings hätten die meisten potenziellen Käufer es gern zu IKEA-Preisen.

7. Die Wege – wenn ein Platz zum Nadelöhr wird

Ein Markt ist kein leerer Raum.

Er ist ein Geflecht aus Wegen, Zufahrten, Engstellen und Zeitfenstern, die sich gegenseitig beeinflussen.

Wenn ein Element nicht passt, verschiebt sich alles.


Ein Beispiel dafür:

Es gibt Momente, in denen ein verspäteter LKW mehr über einen Markt erzählt als jede Planungstabelle.

Die Bühne stand — wie vorgesehen — zuletzt, der direkte Weg war damit für große Fahrzeuge erledigt.

Also nahm der Lieferwagen den langen Bogen über den Platz, genau dorthin, wo gerade Stühle sortiert, Tische ausgerichtet und Aufsteller liebevoll in Position gebracht wurden.

Und natürlich kam er genau in dem Moment, in dem alles aussah, als würde es gleich fertig werden.

Einmal hupen, einmal rückwärts einweisen, einmal alles wieder beiseiteräumen — und schon weiß man wieder, warum Aufbaupläne zwar schön sind, aber das Leben seine eigenen Ideen hat.

8. Die Technik – der Punkt, an dem alles sichtbar wird

Strom ist kein Detail.

Er ist die Grundlage.


Wenn er ausfällt, fällt alles aus.

Und dann zeigt sich, wie fragil ein Markt ist.


Der Elektriker ist derjenige, der die Realität kennt.

Er sieht, was funktioniert und was nicht.

Er weiß, wo die Grenzen liegen.

Er ist derjenige, der verhindert, dass ein technisches Problem zu einem Sicherheitsproblem wird.


Er ist der Held, den niemand sieht — weil er seine Arbeit macht, bevor jemand merkt, dass sie nötig war. Danke Torsten!

Kerstin Müllers prüft eine geöffnete Stromverteilung im Außenbereich, mehrere Anschlüsse sichtbar, Vorbereitung für ein Event.

9. Der Tag X – die sichtbare Oberfläche eines unsichtbaren Systems

Menschen trinken Wein.

Menschen lachen.

Menschen begegnen sich.


Sie sehen nicht die Monate davor.

Nicht die Kosten.

Nicht die Unsicherheiten.

Nicht die Gespräche.

Nicht die Verantwortung.



Sie sehen nur das Ergebnis.

Und vielleicht soll es genau so sein.

10. Warum wir es trotzdem tun

Weil ein Markt mehr ist als ein Event.

Er ist ein öffentlicher Raum, der wiederbelebt wird.

Ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, die sich sonst nicht begegnen würden.

Ein Stück Stadt, das sichtbar wird.


Und weil Kulturarbeit nicht aufhört, nur weil die Bedingungen schlechter werden.


Man macht weiter.

Nicht, weil es leicht ist.

Sondern weil es notwendig ist.


Denn während Arbeit ins Homeoffice verlagert wird und Gespräche in digitale Kanäle rutschen, entstehen hier Räume, die nicht ersetzbar sind. Orte, an denen Menschen wieder lernen, miteinander zu sprechen, ohne Verzögerung, ohne Bildschirm, ohne Distanz. Orte, an denen Begegnung nicht simuliert wird, sondern stattfindet.


Ein Weinfest ist kein Konsumformat.

Es ist ein Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die sich zunehmend vereinzelt.

Ein Ort, an dem Fremde zu Gesprächspartnern werden, weil der Raum es zulässt.

Ein Ort, an dem Nachbarschaft nicht behauptet, sondern erlebt wird.


Und genau deshalb ist jeder dieser Märkte mehr als die Summe seiner Stände.

Er ist ein Stück sozialer Infrastruktur.

Ein öffentlicher Resonanzraum, der zeigt, dass Stadt nur funktioniert, wenn Menschen sich begegnen können — ungeplant, ungestört, unersetzbar.


Wenn solche Orte verschwinden, verschwindet etwas, das man nicht zurückholen kann:

die Durchlässigkeit zwischen Menschen, die sonst nebeneinander lebten, ohne sich zu kennen.

Die Möglichkeit, dass Gespräche entstehen, die niemand geplant hat.

Die Erfahrung, dass Gemeinschaft nicht digital hergestellt werden kann.


Ein Markt ist ein Versprechen.

Ein Versprechen an die Stadt, an die Menschen, an die Gemeinschaft.

Ein Versprechen, das man nicht bricht — gerade dann nicht, wenn es schwer wird.

Nahaufnahme eines leeren Weinglases vor Blumen, ruhiger Moment vor dem Beginn eines Weinfests
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